Mit den Großen spielen, oder: Schöpferische Zerstörung, ganz konkret

“Wenn Du mit den Großen spielst, pass auf!” sagte schon Oma, und meinte damit in etwa: die sind wilder als Du und haben viel mehr Kraft als Du: duck Dich, wenn die Großen zuschlagen!

Was Oma seinerzeit orakelhaft verkündete, hat für Dich nichts von seiner Richtigkeit verloren, auch wenn Du jetzt erwachsen bist und ein Start-up gegründet hast. Erwachsen bist Du vielleicht, groß deshalb nicht unbedingt. Die Großen, das sind die mit den tiefen Taschen, mit immenser Reichweite, weltweit verteilten Nutzern – die Marken. Wenn Dein Geschäftsmodell auf einem Produkt oder Service eines der Großen aufbaut, denke an Deine Oma: Du kannst mit den Großen spielen – und das ist auch gut für Dich, weil Du von ihnen eine Menge lernen kannst. Und es macht eigentlich immer mehr Spaß, mit Größeren zu spielen, weil man dadurch besser wird – vom positiven Renommee nach außen ganz zu schweigen.

Nehmen wir an, Du hast im Jahr 2010 einen Twitter Client gebaut, der als App die damalige Twitter App mühelos in den Schatten stellte. Respekt! Du machst (den Großen) vor, wie eine nutzerfreundliche App gebaut wird. Die Nutzer honorieren dies und binnen kurzer Zeit katapultieren Dich ein gutes Produkt, zufriedene Nutzer und solide PR an die Spitze des App Stores. Das sehen natürlich Deine Kollegen und bauen ebenfalls Twitter Clients, einer besser als der andere. Du jedoch hast Glück des Tüchtigen und wirst Anfang 2011 in einem sogenannten Acqui-hire übernommen. Well done. Die positive Seite: Du bist ab sofort Mitglied eines großen talentierten Teams (sehr gewiss). Der Nachteil: Dein Produkt wird eingestellt oder so stark verändert, dass Du es nicht mehr wiederkennst (wahrscheinlich).

Oder nehmen wir an, Du hast eine App auf Basis der Facebook Platform entwickelt. Sie entwickelt sich prächtig und die Facebook Ingenieure werden auf Dich aufmerksam. Du wirst nach Menlo Park eingeladen, um Deine Arbeit vorzustellen und eine weitere Integration zu diskutieren. Respekt! Vor Ort stellst Du jedoch fest, dass aus der von Dir erhofften mehr oder weniger gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Facebook und Dir nichts wird, sondern Dir ein Acqui-hire angeboten wird. In diesem Fall hast Du jedoch weder mit dieser Variante gerechnet, noch bist Du sonderlich daran interessiert, Deine Selbständigkeit gegen einen 9-5 Entwickler-Job in der Zentrale einzutauschen. Du bist enttäuscht und verstehst ein ganz kleines bisschen die Welt nicht mehr.

In beiden Fällen hast Du mit den Großen gespielt. Und in beiden Fällen hast Du nicht an Deine Oma gedacht. Du nahmst an, dass Du ein gleichberechtigter Mitspieler wärest. Du bist davon ausgegangen, dass man sich auf Augenhöhe begegnet und die jeweiligen Ziele dieselben seien. Das ist zwar nicht auszuschliessen: immerhin wurde Instagram für 1 Milliarde übernommen, aber doch eher selten. Du brauchst nicht davon auszugehen, dass Du oder Dein Produkt für ein großes Unternehmen so wertvoll (b)ist, dass Du als gleichberechtigter Partner auftreten kannst. Das große Unternehmen wird Dich solange für seine Zwecke einsetzen, wie dies sinnvoll erscheint. Dann wird es Dich entweder kaufen oder fallenlassen. Oder Du bist durch andere Ereignisse irrelevant geworden.

Was Dir womöglich zu hart oder unfair vorkommt, ist natürlich ein ganz normaler und ökonomisch sinnvoller Vorgang: versetze Dich selbst in die Lage eines Managers bei Facebook, Twitter, Google, Apple et al. Dir liegt das Wohl Deines Unternehmens am Herzen. Und selbst wenn Du beispielsweise zuständig für Developer Relations bist, heisst das nicht, dass Dein Ziel die bestmögliche Betreuung der mit Dir zusammenarbeitenden Entwickler ist, sondern dies ist lediglich Dein Instrument. Du kümmerst Dich um Entwickler, die Deine API nutzen und tust alles, damit sie glücklich sind und ihre Vorstellungen hinsichtlich Weiterentwicklung umsetzen können. Aber das ist kein Selbstzweck, sondern nur da Mittel für die tiefe Verankerung Deiner Plattform in der Developer Community, die am Ende des Tages zur größtmöglichen Reichweite Deiner Services führt. Das Ganze nennst Du “Social Platform” und definierst Regeln für die Nutzung und Zusammenarbeit. Da Du derjenige bist, der die Regeln definiert, kannst auch Die sie ändern. Und dies durchaus autokratisch und nicht zwingend in einem basisdemokratischen Prozess gemeinsam mit den angeschlossenen Entwicklern.

Wechseln wir wieder die Perspektive: was Dir aus Entwickler- bzw. Gründer-Sicht “unfair”, “unmöglich” oder als “falsche Strategie” erscheinen mag, kann aus Unternehmenssicht eine durchaus valides sinnvolles Vorgehen sein: Das Unternehmen sieht sein Ziel erreicht, wenn sein Produkt von einer kritischen Nutzermasse verwendet wird. Zunehmend braucht es keine Unterstützung bei der Gewinnung von Neukunden mehr – es ist zu einem großen Unternehmen, einer Marke geworden. Du wirst gar nicht mehr gebraucht oder bekommst die Möglichkeit, für das Unternehmen zu arbeiten. Schumpeter nennt das schöpferische Zerstörung: wenn Du Dich gegen das Unternehmen entscheidest, kannst Du auf der Höhe Deines Produkts aussteigen, anerkennen dass der Mohr seine Schuldigkeit getan hat und zu neuen Ufern aufbrechen. Mache etwas Neues, fange wieder von vorn an, sei wieder innovativ! Aber heul nicht.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Proudly powered by WordPress
Theme: Esquire by Matthew Buchanan.